09.-12.11.2017

BLUR – 6 Miniaturen zur Unschärfe (1) Physik und Psychologie

theater-51grad
BLUR - theater51grad - Foto: Claus Stump


™1.6]DELTAx
Wir befinden uns in einer mehrdeutigen schwer einschätzbaren Situation, die Beobachtung der Anderen eröffnet keinen sinnvollen Handlungsansatz. Es gibt keinen Hinweis auf richtiges Verhalten, eine Fehlinterpretation ist durchaus wahrscheinlich. Immer schon haben die Menschen nach Wahrheit gesucht, mit ihr gerungen, an ihr festgehalten, sie verteidigt und sind am Ende an ihr verzweifelt. Sicher war man sich ihrer in den mythischen Zeiten, doch heute ist diese Sicherheit wie eine verwaschene Fotografie, die als Abbild der Realität nur noch dazu taugt, die Bilder im eigenen Kopf anzuregen.
Gehen wir den Ursprüngen auf den Grund und verfolgen die Kausalitäten ins Heute. Der Weg führt zurück zu den mythischen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts. Wir suchen die Spuren der Geschichte, gleich einem Physiker, der die Quanten in der Nebelkammer aufscheinen lassen will, und stoßen auf Ereignisse, einzelne Singularitäten – wir verbinden diese Punkte im Glauben an lineare Abläufe und kausale Beziehungen. Setzen sie wie zu einer Fotografie zusammen. So schreiben wir Geschichte. Und wie sehr hoffen wir, nicht zu scheitern.
Wir betrachten die verblasste Fotografie, die ein Bild aus der Vergangenheit sein soll, aber doch nur eine Spur in die Zukunft ist. Und je länger wir sie betrachten, desto weniger scheinen wir zu erkennen – Bildpunkt oder Pixel – Kein Unterschied ist auszumachen. Unsere technischen und in der Folge auch wirtschaftlichen Errungenschaften hängen von den Setzungen des frühen 20. Jahrhunderts ab. Als z.B. Werner Heisenberg mit einer jugendlichen Frische, die geradezu einer Frechheit glich, das Postulat der Unschärferelation aufstellte, die behauptet, dass im atomaren Bereich die Objekte erst entstehen, wenn wir versuchen sie zu betrachten – Aber bestehen wir nicht alle aus Elementarteilchen?
Diese Setzungen aber reichen über die heutige Gegenwart weit hinaus in eine nahe Zukunft als das Schreckgespenst einer automatisierten, von Menschen erlösten Industrie 4.0, der, befreit von allem klassischen Denken -in der Physik wie im Leben-, mit Hilfe von Unwahrscheinlichkeiten eine höhere Präzision als der klassischen Wissenschaft gelingt – und das auch noch in kürzerer Zeit.

™2.6]Paralyzed
Wir befinden uns in einer mehrdeutigen, schwer einschätzbaren Situation, die Beobachtung der Anderen ergibt keinen Hinweis auf das richtige Verhalten. Eine Fehlinterpretation, ein Fehlverhalten, ist durchaus wahrscheinlich. Immer noch suchen die Menschen nach Wahrheit, ringen mit ihr, halten an ihr fest. Sie verteidigen sie und am Ende verzweifeln sie an den vielfältigen Gesichtern dieser Wahrheit, die sich Geschichte nennt und doch nur Politik ist.
Es scheint keine kausalen Beziehungen mehr zu geben – nur noch einzelne diskrete Ereignisse, die in den Gehirnen zur kontinuierlichen Linie zusammengefügt werden. Diese Reihe von historischen Ereignissen formiert sich zu einer katastrophalen Bewegung, die die Menschen fortreißt, um sie am Ende in einer ungewissen Zukunft wieder auszuspucken.
Je länger wir die verblasste Fotografie, die ein Bild dieser Vergangenheit sein soll, betrachten, desto weniger scheinen wir zu erkennen. Denn erst durch die Fotografie selbst kam die Unschärfe ins Bild: diese Idee einer subjektiven Wahrnehmung, einer Lücke zwischen zwei stabilen Zuständen, dem Abbild des Nicht-Zeigbaren.
In dieser Lücke, dieser uneindeutigen, schwer einschätzbaren Situation, trifft es die vagen Menschen, die aufgrund der großen Verunsicherung zu keiner moralischen Erkenntnis und keiner ethischen Bewertung der Situation zu gelangen vermögen. Gehen wir den Ursprüngen auf den Grund und folgen den Beweggründen. Viele tausend Male betrachten wir die Bilder dieses einen unerhörten Ereignisses und erkennen doch keinen sinnvollen Handlungsansatz, nichts was von elementarem Wert zeugen könnte. Gleich jenes Bildes einer verunsicherten Masse von Menschen, die inmitten eines überbuchten Flugzeugs einer großen Schärfe in der Umsetzung von kommerziellen und politischen Interessen gegenüber steht. Ein unsichtbares, aber eindeutig definiertes Ziel der Profitmaximierung scheint hier verfolgt zu werden. Aber die Frage, ob aus diesem Dilemma sich eine Souveräne Unschärfe ableiten lässt, wird erst in der Zukunft beantwortet, in einer Zukunft, in der Welle und Teilchen, Beobachter und Akteur zu einem Dritten verschmelzen wird.

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In 6 Miniaturen angesiedelt zwischen Musik – Live und Elektronik -, Theater – real und projiziert – und Visuals – virtuell und live – werden 6 Bereiche untersucht und in 3 Premierenblöcken präsentiert:

BLUR setzt auf die bewährte Zusammenarbeit der vier Künstler, Andrea Bleikamp, Sergej Maingardt, Jens Standke und Rosi Ulrich und verbindet Kreativität mit wissenschaftlichen Essays, Literatur und Leben.

Nach Essays von: N Quinte, Prof. Dr. Th Kron, Dipl.-Psych. K Duda-Kirchhof und Dipl.-Psych. Dr. O Kirchhoff

In Kooperation mit Freihandelszone – Ensemblenetzwerk Köln

Weitere Termine:

Block 2 – 30. Nov – 03. Dez 2017:
™3.6]HypeReal, ™4.6]UND:ODER:NICHT, (Fotografie und Logik)

Block 3 – 01.04. März 2018:
™5.6]…, ™6.6]Souveräne Unschärfe. (Wirtschaft und Politik)

Gefördert durch:

Do 09.11.2017 20.00 h Premiere
Fr 10.11.2017 20.00 h
Sa 11.11.2017 20.00 h
So 12.11.2017 20.00 h

Mit: M Fischer, K Kettling, K Hufnagel
Kompositon: S Maingardt; Visuals: J Standke
Künstlerische Leitung: A Bleikamp, R Ulrich
Kostüm: C Stump
Musik: P Alvares (Piano), Fukio Ensemble (Saxophon), S Maingardt (Elektronik), O Schnelker (Stimme)
Produktionsleitung: A-L Zahner; Technik: J Kuklik
Kommunikation: neurohr andrä Gbr

17,00 € / 11,00 € ermäßigt

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